Innendämmung: Eine sinnvolle Maßnahme – aber keine ohne Tücken
Wenn eine Außenwand nicht von außen gedämmt werden kann – sei es wegen Denkmalschutz, zu wenig Platz zur Nachbargrenze oder einer schönen Klinkerfassade, die erhalten bleiben soll – dann rückt die Innendämmung in den Fokus. Klingt zunächst simpel: Dämmplatte innen drauf, fertig. Doch wer so denkt, unterschätzt das Thema erheblich.
Als Architekt und Bauphysiker erlebe ich immer wieder, dass Innendämmungen entweder gar nicht oder nicht fachgerecht geplant werden. Das kann teuer werden – nicht nur finanziell, sondern auch baulich: Schimmel, Durchfeuchtung und Frostschäden sind mögliche Folgen einer falsch bemessenen Innendämmung.
Dieser Artikel zeigt Ihnen, warum Innendämmung so anspruchsvoll ist – und was eine sorgfältige Planung beinhaltet.
Warum ist Innendämmung so viel komplexer als Außendämmung?
Bei der Außendämmung wird die Dämmschicht auf der warmen Seite der Konstruktion angebracht. Taupunkt und Feuchtetransport laufen in unkritischen Bereichen ab. Die Außenwand bleibt warm.
Bei der Innendämmung ist es genau umgekehrt: Die Dämmung liegt innen, die Bestandswand wird kälter. Damit verlagert sich der Taupunkt – also der Punkt, an dem Wasserdampf kondensiert – in die Konstruktion oder sogar in den Bestand. Feuchtigkeit kann sich in der Wand ansammeln. Ob das zum Problem wird, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab:
- Welches Material hat die Bestandswand (Ziegel, Naturstein, Beton)?
- Wie stark saugt der Untergrund Wasser auf?
- Gibt es Schlagregenbelastung von außen?
- Welches Raumklima herrscht innen (Büro, Wohnzimmer, Küche, Bad)?
- Wie dick soll die Dämmung werden?
- Welches Dämmsystem wird verwendet?
Diese Fragen müssen alle beantwortet werden – und zwar bevor eine Entscheidung über das Dämmsystem fällt.
Schritt 1: Die Bestandsanalyse – ohne sie geht nichts
Jede seriöse Innendämmungsplanung beginnt mit einer gründlichen Bestandsaufnahme. Das klingt selbstverständlich, wird aber in der Praxis häufig übersprungen.
Was dabei untersucht wird:
Außen:
Ist die Fassade intakt? Gibt es Risse, offene Fugen, Algenbefall? Besteht Schlagregengefahr? Wie hoch ist der sogenannte w-Wert – also die Wasseraufnahme der Fassade? Dieser Wert entscheidet
maßgeblich darüber, welches Dämmsystem überhaupt geeignet ist.
Innen:
Gibt es bereits Feuchte- oder Schimmelschäden? Welche Materialien sind verbaut? Gibt es Heizkörpernischen, Rollladenkästen oder andere kritische Anschlussdetails?
Konstruktive Details:
Wärmebrücken an Deckenanschlüssen, Fensterlaibungen und Sockelbereichen müssen identifiziert und im Nachweis berücksichtigt werden.
Wichtig: Ohne Kenntnis des Bestands ist jede Innendämmungsplanung ein Schuss ins Blaue.
Schritt 2: Das Fassadensanierungskonzept
Bevor eine Dämmung angebracht wird, muss die Fassade in einem ordentlichen Zustand sein. Klingt logisch – aber was bedeutet das konkret?
- Risse und Putzschäden müssen beseitigt werden
- Aufsteigende Feuchte oder Salzeintrag muss gestoppt werden
- Bei Sichtmauerwerk oder Fachwerkfassaden muss geprüft werden, ob ausreichend Schlagregenschutz gegeben ist
Gerade beim Schlagregenschutz gibt es klare Grenzwerte: Wenn die Fassade zu viel Regenwasser aufnimmt, kann eine Innendämmung überhaupt erst dann funktionieren, wenn entweder konstruktive Maßnahmen oder eine Hydrophobierung der Außenfläche vorgenommen werden. Manchmal ist eine Innendämmung ohne diese Vorarbeiten schlicht nicht zulässig.
Schritt 3: Das Dämmkonzept – Systemauswahl mit Bedacht
Nicht jedes Dämmsystem passt zu jeder Wand. Grundsätzlich gibt es zwei Ansätze:
Diffusionsdichte Systeme
Diese Systeme (z. B. mit Dampfsperre oder Dampfbremse auf der Raumseite) sperren den Wasserdampf aus der Konstruktion heraus. Sie eignen sich besonders bei hohen inneren Feuchtelasten, z. B. in Küchen oder Bädern. Der Nachteil: Fehler bei der Ausführung, auch kleine Lücken in der Dampfsperre, können zu Schäden führen.
Kapillaraktive Systeme
Materialien wie Calciumsilikatplatten oder Lehmputze können aufgenommene Feuchtigkeit kapillar zurückleiten und so selbst ausgleichen. Sie sind diffusionsoffen und „atmungsaktiv". Das klingt wie die ideale Lösung – aber: Diese Systeme funktionieren nur unter bestimmten Voraussetzungen. Der Untergrund muss gut saugend sein, die Feuchtelast darf nicht zu hoch sein, und das System muss einmalig labortechnisch auf seine Flüssigtransporteigenschaften geprüft werden.
Die Systemwahl ist keine Geschmacksfrage. Sie ergibt sich aus den bauphysikalischen Rahmenbedingungen.
Schritt 4: Der Nachweis – in drei Stufen
Das Herzstück jeder Innendämmungsplanung ist der hygrothermische Nachweis. Hier wird rechnerisch geprüft, ob das geplante System in der konkreten Situation schadenfrei funktioniert. Es gibt drei Nachweisstufen, die aufeinander aufbauen:
Stufe 1: Nachweisfreiheit nach DIN 4108-3
Für geringe Dämmstärken (bis ca. R = 0,5 m²K/W) genügt die Einhaltung bestimmter Randbedingungen nach DIN 4108-3. Vereinfacht gesagt: Wenn die Dämmung dünn genug ist und ein Mindest-Diffusionswiderstand auf der Raumseite vorhanden ist, ist kein weiterer Nachweis nötig.
Stufe 2: Vereinfachter Nachweis nach WTA 6-4
Für die meisten Standardfälle gibt es das sogenannte Diagrammverfahren nach WTA 6-4. Hier werden Untergrund, Feuchtelast und Dämmsystem miteinander abgeglichen. Voraussetzungen: kein Schlagregeneintrag, normales Innenklima, mittlere Jahresaußentemperatur über 7 °C – und weitere.
Kapillaraktive Systeme werden nach diesem Verfahren in Anwendungsbereiche (I, II, III) und Kategorien (A oder B) eingestuft. Kategorie A bedeutet: funktionsfähig. Kategorie B: funktionsfähig, wenn das System feuchte-, frost- und fäulnisbeständig ist.
Stufe 3: Individuelle hygrothermische Bauteilsimulation
Wenn die Voraussetzungen der Stufe 1 oder 2 nicht erfüllt sind – oder wenn das geplante System besonders kritisch ist – muss eine detaillierte Computersimulation durchgeführt werden. Dabei wird das Bauteil über mehrere Jahre simuliert, inkl. Schlagregeneintrag, Raumklima und Materialverhalten.
Ich arbeite dabei mit der Simulationssoftware WUFI, die vom Fraunhofer IBP entwickelt wurde und zum Industriestandard für hygrothermische Bauteilsimulationen gehört.
Was kann schiefgehen?
Ohne fachgerechte Planung drohen folgende Schäden:
- Schimmelbildung an der Innenseite oder hinter der Dämmung
- Durchfeuchtung des Mauerwerks durch Kondensat
- Frostschäden bei wassergesättigten Materialien
- Substanzschäden durch Salzmigration
- Wärmeverlust durch Wärmebrücken an Anschlusspunkten
Besonders kritisch sind Anschlussdetails – also die Stellen, wo die Innendämmung auf Decken, Fensterlaibungen oder Installationen trifft. Hier entstehen häufig Wärmebrücken, die im schlimmsten Fall zu lokaler Kondensation und Schimmel führen.
Für wen kommt Innendämmung in Frage?
Innendämmung ist keine Do-it-yourself-Maßnahme und auch kein Standardprodukt, das man einfach aus dem Katalog aussucht. Sie erfordert eine systematische Bestandsanalyse, ein fundiertes Fassadensanierungskonzept, eine sorgfältige Systemauswahl und – in vielen Fällen – einen rechnerischen Nachweis nach anerkannten Regelwerken wie DIN 4108-3 oder WTA 6-4.
Als Architekt, Bauphysiker und staatlich anerkannter Sachverständiger für Schall- und Wärmeschutz übernehme ich diese Planung für Sie – von der ersten Begehung bis zur abgesicherten Detailplanung.
Sie planen eine Innendämmung oder stehen vor einer Sanierungsaufgabe, bei der die Außendämmung keine Option ist?
Sprechen Sie mich an – ich berate Sie gerne.
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Marco Rannacher – Dipl.-Ing. (FH) Architekt AKNW | Staatlich anerkannter Sachverständiger für Schall- und Wärmeschutz | DENA Energie-Effizienz-Experte
Quellenhinweis: Dieser Artikel basiert u. a. auf dem Ablaufschema zur Beurteilung von Bestandsinnendämmungen des Fraunhofer IBP im Rahmen des Forschungsprojekts IN2EuBuild (Stand: Juni 2026).
